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Um leichter loslassen zu können: Verlerne hinderliche kognitive Skripte

Mai 18, 2026

Vom Einzelfall …

Eine Freundin von uns steht exemplarisch für viele Menschen, die sich beruflich weiterentwickeln möchten, dabei jedoch innere Widerstände spüren: Obwohl sie in ihrem Beruf seit Jahren erfolgreich tätig ist, empfindet sie zunehmend Unzufriedenheit. Ihre Arbeit wird aus ihrer Sicht kaum noch wertgeschätzt – weder sozial noch finanziell. Zudem hat sich die Unternehmenskultur verändert: Kolleginnen und Kollegen scheinen immer stärker auf individuelle Karriereziele fokussiert, während Teamgeist und gemeinsames Engagement abnehmen.
 Auf die Frage, wie sie mit dieser Situation umgehen wolle, antwortete sie: »Ich habe darüber nachgedacht, zu kündigen – aber dann denke ich, das kann ich nicht machen. Ich habe doch eine sichere, angesehene Position. Meine Freundinnen und Freunde sagen mir, es wäre unklug, diesen Erfolg einfach aufzugeben, für den ich so lange gearbeitet habe.«

… zum kognitiven Skript

Ich schildere diese Situation stellvertretend für viele andere, weil sie ein gutes Beispiel für ein häufig auftretendes kognitives Skript ist, das auch für dein Leben und deinen beruflichen Weg hinderlich sein könnte. Dabei handelt es sich um ein im Gedächtnis gespeichertes Wissensschema, das stereotype Handlungsabfolgen in bestimmten Situationen strukturiert. Kognitive Skripte dienen als mentale Steuerungsmechanismen, die soziale Interaktionen vereinfachen, indem sie Handlungserwartungen, Abläufe und Rollenmuster vorgeben – etwa beim Restaurantbesuch (Reingehen, Tisch suchen, Speisekarte lesen, bestellen, essen, bezahlen), Arzttermin oder Meeting. Sie schaffen Orientierung und entlasten unser Denken, weil sie komplexe Abläufe vorstrukturieren und Routine ermöglichen.
Diese Automatisierung hat jedoch eine Kehrseite: Sie kann dazu führen, dass wir unser Denken und Handeln zu sehr an eingefahrenen Mustern ausrichten – auch dann, wenn diese uns nicht mehr guttun.

Vom Nutzen zum Hindernis

Kognitive Skripte wirken besonders stark in Lebensbereichen, die mit Identität und Selbstbild verwoben sind – etwa im Beruf. Das sogenannte Sequel Script (Fortsetzungsskript) gehört zu den einflussreichsten dieser mentalen Strukturen. Es basiert auf der Annahme, dass zukünftiges Verhalten logisch an bisherige Entscheidungen anknüpfen sollte. Dadurch entwickeln viele Menschen das Gefühl, kontinuierlich auf einer bestimmten beruflichen Tätigkeit und Laufbahn bleiben zu müssen – selbst wenn sie längst das Bedürfnis nach Veränderung verspüren.
Das Gehirn bevorzugt konsistente Selbstbilder: Geschichten über uns selbst, die stimmig klingen und Stabilität vermitteln. Diese Selbstkonsistenz beruhigt uns, kann aber auch unfrei machen. Denn die meisten Menschen besitzen ein breites Repertoire an Potenzialen, Interessen und Lernfähigkeiten. Dem Bedürfnis nach Sicherheit überbetont zu folgen, anstatt dem Wunsch nach Entwicklung Raum zu geben, steht daher im Widerspruch zu deiner menschlichen Natur – einer Natur, die auf Neugier, Lernen und Wachsen angelegt ist. In einer sich ständig wandelnden Arbeitswelt wird gerade diese Flexibilität zudem immer entscheidender.

Vom Verlernen und Loslassen

Ein tief verankertes Sequel Script zu überwinden, ist anspruchsvoll. Der erste Schritt besteht darin, es überhaupt zu erkennen. Dazu gehört, die eigenen Denkmuster über den bisherigen beruflichen Weg bewusst zu reflektieren.

Hilfreiche Fragen, die du dir dazu stellen kannst:

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Bin ich (noch) die Person, die ich in dieser beruflichen Rolle einmal war?

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Arbeite ich in einem Feld, das mich wirklich erfüllt – oder bleibe ich, weil ich so viel investiert habe? Entspricht es dem, was ich in heutiger Situation wirklich will, wichtig finde und bewegen möchte?

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Entspricht das, was ich tue, noch meinen heutigen Werten und Zielen? 
Kognitive Skripte wie das Sequel Script gehen oft mit vordefinierten Bildern einher, die für Erfolg stehen, beispielsweise Titel, überdurchschnittliches Gehalt, Boni oder Beförderungen, Zugehörigkeit zu bekannten Unternehmen, Führungspositionen usw. Es kann hilfreich sein, dich zu fragen, ob es diese Dinge sind, die für dich beruflich die allergrößte Rolle spielen oder ob du deren Wichtigkeit für dich vielleicht vor allem von anderen übernommen hast.

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Fördert mein derzeitiges Tun meine persönliche Entwicklung, wie ich sie mir wirklich wünsche? 
Sich von kognitiven Skripten zu befreien heißt auch, zu verlernen, was wir gelernt haben, von uns selbst zu erwarten. Es geht darum, den Glauben an Narrative, die dir beigebracht wurden, zu hinterfragen, um zu einer experimentelleren, offeneren Haltung wechseln zu können.

Ja, es braucht durchaus Mut, Entwicklungsvorstellungen nach deinem eigenen Maßstab zu definieren. Was dabei hilft, sind kleine, niedrigschwellige Experimente mit nur geringem Risiko, die du aufstellen und durchführen kannst, um auf deinem Weg aufzubrechen. Entgegen verbreiteter Ansicht ist es nämlich nicht notwendig und meistens auch nicht sinnvoll dass du direkt große Umbrüche vornimmst, wie z.B. deinen Job zu kündigen. Baue dir selbst Brücken, um deine Möglichkeiten zu erforschen und umsichtig mit dir selbst in deinem Umfeld zu agieren.

In unserem Newsletter und Rakkanteki Community erhältst du dazu viele weitere Anregungen, Wissensgrundlagen, konkrete Hilfestellungen für dein Aufbrechen und deinen Weg. Sei dabei, wir freuen uns, dich kennenzulernen.

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