über:denken, über:arbeiten
Auch im 21. Jahrhundert ist ein Erfolgsrezept aus den industriellen Zeiten noch immer tief verankert: Wer sich beruflich und persönlich weiterentwickeln, das eigene Potenzial entfalten und ein erfülltes Leben führen möchte, müsse vor allem die richtige Strategie haben und Produktivität, Leistungsfähigkeit und Disziplin steigern.
Doch wer versucht, durch immer mehr Arbeit, Selbstdisziplin und Effizienzsteigerung den eigenen Lebens- und Entwicklungszielen näher zu kommen, läuft oft Gefahr, in mentale und körperliche Erschöpfung zu geraten. Es scheint daher an der Zeit, diese Logik grundlegend zu hinterfragen – und das Ganze metakognitiv, also aus einer reflexiven Perspektive, neu zu betrachten.
Metakognition, die Fähigkeit, das eigene Denken, Lernen und Handeln bewusst zu reflektieren, verdanken wir den hochentwickelten Hirnstrukturen des präfrontalen Kortex und des Hippocampus. Ihr Zusammenspiel ermöglicht uns, zu hinterfragen, warum wir so denken, entscheiden und handeln, wie wir es tun. Diese kognitive Superkraft bleibt im Alltagsmodus des schnellen Funktionierens unter Zeitdruck jedoch meist ungenutzt. Aktivieren wir sie allerdings, eröffnet sie uns die Möglichkeit, die tief verwurzelten Annahmen und Denkmodelle sichtbar zu machen, die unseren üblichen Strategien und Handlungsweisen zur Potenzialentfaltung und Weiterentwicklung zugrunde liegen:
Da ist an vorderster Stelle unser wirkungsmächtiges Bild des Menschen als unabhängiges, vereinzeltes, autarkes Wesen sowie die Individualisierung und Selbstverwirklichung des Einzelnen als höchstes Ideal. Lange Zeit haben wir uns zudem zu Vertretern des Homo Oeconomicus erklärt, die allein auf ihren Vorteil, vor allem auf materielle Wohlstandsoptimierung erpicht sind und dabei stets in Konkurrenz und Hierarchien zueinander stehen. Potenzialentfaltung wird auf Basis dieser Denkmodelle schnell in dieselbe Kategorie geordnet wie unser heute gängiges Bild von beruflichem Erfolg – vor allem ein Nullsummenspiel, in dem es gilt, die Wettbewerber zu schlagen. Weiterentwicklung und Selbstverwirklichung finden in dieser Sichtweise vor allem individuell und vor der Kulisse eines Umfelds statt, gegen das man sich behaupten muss. Stärke, Disziplin, Produktivitätssteigerung, Distanz und Konkurrenzverhalten zur Durchsetzung eigener Interessen ergeben vor diesem Hintergrund Sinn.
Vergessen oder verdrängt haben wir dabei für lange Zeit unsere biologische Abhängigkeit von anderen Menschen und der Mitwelt sowie, dass unsere eigene Weiterentwicklung nicht gegen, sondern nur mit ihnen stattfinden kann. Die eigene Potenzialentfaltung ist nicht alleine, isoliert »machbar«, sie braucht Anregungen und Ermutigung von außen. Impulse durch Mitmenschen, durch neu entstehende Herausforderungen, durch das, was beispielsweise gerade dich anspricht und neugierig macht. Sich zu entwickeln, zu lernen und dabei in zwischenmenschlicher Verbindung zu sein, ist eine frühesten menschlichen Grunderfahrungen, die wir alle schon vor unserer Geburt machen und die uns daher besonders prägt. Als Grundbedürfnis bestimmt sie lebenslang unsere Erwartungen. Jeder Mensch sucht nach Beziehungen, die es ihm ermöglichen, sich gleichzeitig als verbunden und möglichst frei/selbstbestimmt entwickelnd, Potenziale entfaltend, Kompetenzen erwerbend zu erleben.*
Weitergedacht heißt das: Statt alten Erfolgsformeln nachzujagen, lohnt es sich, die zugrunde liegenden Denkmodelle konsequent zu überdenken und auch das eigene Handeln neu auszurichten. Echte Weiterentwicklung entsteht heute weniger durch Produktivitätssteigerung und Selbstoptimierung, sondern durch vertrauensvolle Kollaboration und geteilte Erfahrungsräume. Achte daher darauf, dein Umfeld bewusster wahrzunehmen: Welche Begegnungen inspirieren dich? Was weckt Neugier oder emotionale Resonanz in dir? Solche Momente weisen auf potenzielle Verbindungen hin, die als Ausgangspunkte für Kooperation und gemeinsame Entwicklung dienen können und damit auch einem anderen menschlichen Grundbedürfnis nachkommen: Soziale Sicherheit.

Unser evolutionäres Erbe ist nach wie vor auf soziale Sicherheit ausgerichtet – das menschliche »Sicherheitssensorium« im Gehirn prüft primär die Qualität unserer Beziehungen, nicht die Höhe unseres Kontostands. ** Zusammenwirken mit anderen, lernen und wachsen in Verbindung ist deshalb in mehrfacher Hinsicht sinnvoll und gesünder als das alte Vereinzelungs-und Konkurrenzmodell, das heute immer häufiger in soziale Abschottung und/oder Erschöpfung mündet.
Du kannst diese heutigen Erkenntnisse für dich nutzen, um deine Potenzialentfaltung und Weiterentwicklung – beruflich und persönlich – reflektierter und zukunftsfähiger anzugehen.
So kannst du starten:
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Überdenke für dich selbst, wie kurzsichtig und auslaugend permanentes Vereinzelungs- und Konkurrenzdenken tatsächlich sind und wohin sie führen. Wie haben sie bereits auf dich, auf dein Denken und Handeln eingewirkt? Im Gegensatz dazu kannst du dich darauf einlassen, deine Eingebundenheit in dein Umfeld, die Verbindungen zu deinen Mitmenschen und mögliche Kollaboration bewusster wahrzunehmen. D.h., aufmerksamer werden, mehr sehen, den anderen besser zuhören…was lässt dich aufhorchen, was macht dich neugierig? Mehr zu möglichen Startpunkten deiner Potenzialentfaltung findest du bei Anders Wahrnehmen (LINK) und bei Experiment entwerfen (Link)
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Brich auf, um dich auch konkret mit anderen zu verbinden und für gemeinsames Entwickeln/Weiterentwickeln zusammenzuarbeiten. Austausch und Kollaboration sind die ideale Grundlage für Kreativität und gemeinsames Wachsen. (LINK Wachsen mit dem UMFELD)
*Hüther, Was wir sind und was wir sein könnten, S. 45/46 ** Meller/Michel, Das Rätsel der Schamanin, eine archäologische Reise zu unseren Anfängen, S. 327